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Heimatlos: Eine Biographie –
oder die Geschichte von einem jungen und drei alten Männern

Roland wuchs in einer protestantischen Ruhrgebietsfamilie auf. Nach dem Umzug von Oberhausen nach Mülheim verwehrte die Kommune einen Platz im Kindergarten. Roland blieb einfach zu Hause. Der Rumlungerei musste natürlich begegnet werden. Im Jungendzentrum probte ein katholischer Kinderchor. Besser als nichts, dachten die Eltern. Mit acht Jahren gewann er bei einem Malwettbewerb einen Rock'n'Roll-Sampler. Roland spielte fortan auf umfunktionierten Dash-Trommeln zu der neuen Platte Schlagzeug!

Es war die Zeit des kulturellen Austauschs und einen Chor, dessen Mitglie-
der im Ruhrpott wohnen, schickte man gern durch die ganze Welt: Japan, Brasilien, Israel. Der Reisefloh biss ihn – acht Jahre lang nicht oft zu Hause und irgendwie ohne Heimat. Roland fand sein eigenes Nimmerland irgend-
wo zwischen Memphis, Tennessee und Mülheim an der Ruhr.

Er hat schlechte Noten und keine Lust, zu Hause zu sein. "Ihr Junge ist nicht unintelligent, aber er scheint nie anwesend zu sein." Als es die Chance für einen Schulaustausch mit England gibt, nimmt er sie sofort wahr. Alle ande-
ren Jugendlichen kommen zu Familien mit Kindern. Roland kommt zu ei-
nem alten Mann mit Hund. Er war in den 50ern Soldat in Deutschland und Korea, will sein Deutsch aufbessern. Er arbeitet als Leichengräber. Roland fährt oft mit. Abends beim Bier erzählt er von damals und sie hören Hank Williams. "Hank Williams wrote my life, Roland!" Jeden Samstag geht es nach Dover zum Fischen.

Roland kehrt zurück nach Deutschland und Hank Williams geht mit. Seine neuen Country-Songs und Hank-Williams-Cover will aber keiner mit ihm spielen. Country ist halt noch nicht cool. Roland beschließt, Gitarre spielen zu lernen. Er macht einen Taxischein, um sich ein gescheites Instrument leisten zu können. Einsame Nächte und BFBS. Eines Abends steigt ein alter Herr ein. Er will nach Essen. 1945 hatten ihn die Amis nach West Virginia in die Kriegsgefangenschaft geschickt. Die Lagerwache spielte Hits von Hank Williams und Hank Snow auf einer Epiphone-Gitarre. Der Wachmann zeigte dem Deutschen einige Akkorde und verkaufte ihm die Gitarre irgendwann. Vor seiner Haustür angekommen, sagt der alte Mann zu Roland: "Die Gi-
tarre hat einen kaputten Hals und meine Finger wollen nicht mehr. Wenn Du sie hinbekommst, gehört sie dir!"

Nach einer Weile einsamen Heulens geht Roland nach Amerika. Da wollte er schon immer hin. Doch Hank Williams kennen dort auch nicht mehr so viele. Er liest viele Bücher vom Südstaatenautor William Faulkner. Nach dem ersten Weltkrieg wollte Faulkner nach Paris, ein Boheme werden und über hohe Kultur schreiben. Vor der Abreise in New Orleans rät ihm sein Mentor Sherwood Anderson, lieber über das zu schreiben was er kennt: seine Heimat. Faulkner kehrte zurück nach Mississippi. Roland geht zurück nach Mülheim und Hank Williams kommt wieder mit.

Zurück in Deutschland nimmt Roland sein erstes Demo auf, eine Kopie landet bei Bear Family Records. Der Chef Richard Weize ruft ihn an: "Ich mag dein Jodeln! Hast Du Lust, Jimmie Rodgers ins Deutsche zu über-
tragen? Sing deutsch! Mach für Deine Generation, was Gunter Gabriel vor Dir für seine gemacht hat!" Gunter Gabriel, der lief früher im Radio und steht heute in der Bild. Roland muss nachdenken. Er kauft sich ein Königs-Pilsener und geht runter zu den Gleisen – im Irgendwo zwischen Mülheim-Winkhausen und Essen-West. Er beobachtet die Elstern bei ihrem Streit um Müll. Die Sonne sticht, die Hitze flimmert von den Gleisen hoch. Und Roland weiß, Geschichten sind Countrymusik und Geschichten sind Heimat. Aber in Rolands Heimat spricht man Deutsch und Englisch.